„Die Schlange in uns“, Interview in der Wiener Zeitung

hannelore_lachenInterview in der Wiener Zeitung
Zur Interpretation des Mythos von Lilith, der Urfrau

„Die Schlange in uns“

Andrea I. Höll

Die erste Frau auf Erden war . . . Wer hier spontan „Eva“ einsetzt, liegt falsch. Denn aus mythologischer Sicht war es: Lilith. Und diese Frau vor Eva war im Gegensatz zu jener weder ein passives noch liebliches Weibchen, aber sehr wohl ausgesprochen weiblich. Lilith war und ist als Frau zuallererst das fehlende Stück zu „Adam-Mensch“ und eine Herausforderung für Adam-Mann hinsichtlich der Gleichberechtigung der Geschlechter. Und sie war und ist ein Archetyp – ein zumeist unverstandener. In vielen Überlieferungen, die sich um ihre Gestalt ranken, wird die erste Frau auf Erden wohl deshalb auch sehr einseitig dargestellt, unter anderem als „die schlimmste und zerstörerischste Frau, die die Welt je gesehen hat.“

Gerade heute, wo materielle Werte einen großen Stellenwert haben, erlebt Lilith eine Wiedergeburt – im Sinne ihrer ursprünglichen Aufgabe. Denn die Urfrau steht wieder zu ihrer grundsätzlichen Ver-Antwortung, nämlich genau das aufzuzeigen und zurückzubringen, was zum Ganzen fehlt. Und vielfach ist das genau jene dunkle Seite, die der einzelne Mensch verdrängt, mit der er nicht konfrontiert werden will: nämlich sein Schatten. Lilith ist ein Spiegel, und wie so oft gefällt es dem narzisstischen Menschen nicht unbedingt, was er darin zu sehen bekommt.

Die Psychologische Astrologin Hannelore Traugott, ausgebildet in Psychosynthese, Leiterin der Schule für Erwachsene in Salzburg, mit Beratungspraxis in Gmunden, ist Lilith-Expertin. Sie hat der Thematik ein Buch gewidmet, in dem sie nicht nur Erkenntnisse zu den einzelnen astrologischen Lilith-Konstellationen bietet, sondern darüber hinaus eine Interpretation des Lilith-Mythos aus diversen Blickwinkeln.

Wiener Zeitung: Was will uns der Lilith-Mythos sagen und wie ist er heute zu verstehen?
Traugott: Lilith ist die Frau, die sich im Paradies empörte, und damit brachte sie die Dinge in Gang. Sie protestierte, wollte nicht mehr unten liegen, und sie verließ Adam. Diese Perspektive ist wichtig, denn sie hat ihr Exil freiwillig gewählt. Sie steht also für die selbstbestimmte Frau. Somit wurde sie auch zu einer Galionsfigur des Feminismus. Sie jedoch lediglich auf den Geschlechterkampf festzulegen, wäre zu einseitig. Lilith steht für Qualitäten, die der Mensch verloren hat.

Wir leben in einer sehr narzisstisch geprägten Kultur, wollen immer Sieger sein, glanzvoll, oben, und wir haben verlernt, dass die Rückseite des Lebens genauso notwendig ist. Es ist notwendig zu trauern, Schwäche zuzulassen, und vor allem uns in dieser Qualität auch zu akzeptieren und anzunehmen. Leben ist Zyklus – und eine Sonne, die immer schiene, würde alles versengen. Lilith bedeutet auch zyklisches Bewusstsein, zeigt, dass wir sowohl stark als auch sensitiv sein können, und hinterfragt diese Entweder-oder-Haltungen, die uns letztendlich nur versteinern.

W. Z.: Worum ging es Lilith wirklich?

Traugott: Lilith ging es um Gleichwertigkeit. Doch Adam hat ihr nicht zugehört. „Ich will nicht mehr unten liegen“ bedeutete für ihn automatisch: Ich will oben sein, will dominieren. Lilith hat dies nie gesagt. Doch in einer Entweder-oder-Welt bedeutet „nicht unten liegen“ automatisch „nur oben sein“. Es fehlt die Perspektive des Sowohl-als-auch, es fehlt der Blick für das Nebeneinander. In der Astrologie wird Lilith mit dem Schwarzen Mond gleichgesetzt und der zeigt an, wo wir oftmals heftig verdrängen und kämpfen, was wir hier im Leben aufgrund starker Entweder-oder-Haltungen unterdrücken. Wo wir den Schwarzen Mond haben, verfluchen wir uns manchmal für etwas, wofür wir eigentlich geschaffen wurden. Es ist Punkt der Herausforderung – und wenn wir hier den Lebenszyklus wieder in Gang bringen, wird enorme Kraft frei. Wir werden wieder zu saftigen, erotischen Menschen.

W. Z.: Lilith erregt auch heute noch die Gemüter. Menschen, die ihre Werte verkörpern, werden gehasst und beneidet. Liegt das daran, weil sie Fähigkeiten vereinen, die auf den ersten Blick unvereinbar sind?

Traugott: Erregung ist ein gutes Wort. Es regt sich etwas und so ist die Aufregung der nächste Schritt. Wenn wir etwas verdrängen, uns Lebendigkeit verbieten, ist klar, dass es uns enorm aufregt, wenn sich das andere Menschen erlauben. Lilith ist letztendlich auch ein Angebot, alte Rollenmodelle zu hinterfragen, sie vermittelt zwischen der „braven Eva“ und der Schlange, zwischen der so genannten Heiligen und der Hure. Manche sagen, sie selbst sei die Schlange, die Wissende, und dementsprechend begegnen ihr viele mit einer Mischung aus Angst und Faszination. Die Angst vor der Schlange liegt sehr tief – und sie erregt.

W. Z.: Frau Traugott, Sie schreiben, dass Lilith und ihren VertreterInnen gerade heute große Bedeutung zukommt und dass es kein Zufall ist, dass ihr Mythos jetzt wieder in Erinnerung gerät. Warum?

Traugott: Ich halte es für enorm wichtig, dass wir das Leben wieder zyklisch begreifen. Dass wir nicht alles oben halten, verbessern, kontrollieren können. Und vergessen Sie nicht die Schnelligkeit. Schneller, besser, größer . . . Erinnern Sie sich an den Turmbau von Babel!
Lilith hinterfragt diesen Machbarkeitswahn, diese einseitige Fortschrittsgläubigkeit. Sie bringt uns wieder in Kontakt mit unserem Wesen, mit dem Wesentlichen. Doch wie Adam hören wir meist nicht zu. Wir stellen uns taub und betäuben uns mit Aktivität. Bei Auslösungen des Schwarzen Mondes empört sich Lilith in uns, über unseren Körper, unsere Gefühle, aber meist über einen anderen Menschen. In diesen Zeiten werden wir verlassen oder wir verlieben uns, sind geradezu ergriffen von jemandem. In diesen Zeiten brechen Krusten auf.

W. Z.: Welche Lösungen bietet uns Lilith für das Heute?

Traugott: Mit den Lösungen ist das so eine Sache. Vielleicht beginnt es schon damit, dass wir akzeptieren, dass etwas für mich gelöst sein kann, was es für den anderen noch lange nicht ist. Lilith meint damit Wissen aus der Erfahrung und nicht Instant-Lösungen, die in Rezeptbüchern stehen. Lilith ermuntert zum Einlassen ins Leben und das bedeutet Öffnung. Öffnung wiederum bedeutet Liebe, Öffnung bedeutet auch Schmerz. Wir pflegen eine Kultur des Schmerzvermeidens, doch wenn wir Verwundungen ständig umgehen wollen, vermeiden wir zu leben. So nach dem Motto: . . . wenn ich mich nicht mehr einlasse, tut mir nichts mehr weh. Eine fade Geschichte, eine süchtige Geschichte, dann brauchen wir viel Thrill. Wenn wir Schmerz wieder zulassen, Verluste betrauern können, können wir uns auch wieder öffnen für das Neue. Dann getrauen wir uns, das Leben wieder zu ergreifen. Lilith lehrt uns dieses Vertrauen in das Fließen des Lebens.